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Was passiert eigentlich in Georgien,

wie kommt es zu diesem Konflikt in Zchinwali?

(Einige Gedanken eines Involvierten...)

Um eine Antwort auf diese Frage zu geben, muss man einige Jahre zurückgehen... Ich finde, es ist nicht mehr wichtig, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass so viele unterschiedliche Völker sich auf ein Territorium von ca. 70.000 Quadratkilometer angesiedelt haben (zum Vergleich: Bayern ist von der Fläche her ca 1.000 Quadratkilometer größer als Georgien). das ist heute eine Tatsache und so sollte man es auch betrachten. Wichtig ist heute nur, dass es kein Georgien gibt, wie das in den Medien meistens dargestellt wird - es gibt ein Land, eher eine Föderation, und dieses Land ist die Heimat vieler Menschen, die nur in Frieden leben wollen.

Die jetzige Situation ist das Ergebnis eines Spiels, welches vergleichbar mit Schach wäre, wenn es eine Kleinigkeit nicht fehlen würde: die Gleichberechtigung. In diesem Spiel war der Stärkere viel öfter am Zug und konnte viel schneller seine strategischen Positionen beziehen...

Ich würde gern eine Parallele ziehen, die hier in Deutschland auch leicht nachvollziehbar ist: hier gibt es ja auch Schwaben, Bayern, Franken, Ostfriesen... Hier werden ja auch viele Witze über "anderen" erzählt. Stellen wir uns nun vor, dass Franken in Nürnberger Land sich zusammentun und beschließen, sie wollen mit den Mitmenschen, die sich Bayern nennen, nichts mehr zu tun zu haben. Nun gut, wenn die das wollen, man kann's ja schlecht verhindern. Nun phantasieren wir etwas weiter und nehmen an, die Franken würden meinen, die Bayern würden sie in ihrer Freiheit einschränken und beschließen diese aus der Region zu vertreiben. Erschwerend dazu käme noch, dass zu diesem Zeitpunkt die beiden stärksten Parteien in der Bundesrepublik nichts anderes zu tun haben, als sich gegenseitig zu bekriegen, so richtig, Armee und alles mögliche miteinbezogen. Klingt zwar nicht wirklich wahrscheinlich in Deutschland, aber bitte nicht vergessen, dass wenn ein Konstrukt wie UdSSR zerfällt, dann auch alles mögliche denkbar ist...

Und nun, da die Regierung zu sehr damit beschäftigt ist, für das eigene Überleben zu kämpfen, gibt es niemanden, der für den Schutz des Grundgesetzes sorgt. Also haben die Bayern keine Hilfe von anderen zu erwarten, und sie fliehen, sagen wir, nach München. Die Stadt München tut alles mögliche, um zu helfen, die Hotels und die Schulen werden in Flüchtlingslager umgebaut, Nahrung, Wasser... was man eben in dieser Situation tun kann...

Die politische Situation in der Bundesrepublik hat sich mittlerweile zwar beruhigt, aber es stellt sich plötzlich heraus, dass das gesamte Nürnberger Land durch "Peacemaker" besetzt ist, die niemanden rein und auch nicht raus lassen. Wer sind diese "Peacemaker"? - Eine reguläre Armee, geschickt von einem Land, welches eindeutig gesehen hat, dass die Situation zum eigenen Vorteil ausgenutzt werden kann...

Es vergehen Jahre. Gerade regiert ein Präsident, der selbst kaum seine Meinung äußern kann. Aber die Meinung der Magnaten, die hinter ihm stehen, ist sehr deutlich erkennbar: das ganze Ölimport wird von einer Familie überwacht, Zigaretten und Spirituosen von einer anderen, Getreide, Mehl und Nahrungsmittel von einer Dritten. Es haben sich eben Klans etabliert, die wirklich filmreif wären, wären sie doch nicht so scheu und würden sich hinter dem Präsidenten nicht so sehr verstecken...

Es wird langsam klar, niemand interessiert sich für die Flüchtlinge, niemand hat Zeit was anderes zu bewegen, als sein eigenes Geschäft - eben Geld "scheffeln" solange es geht. Und was tun die Flüchtlinge? Initiative ergreifen! Man versucht zu überleben - Wasser, Cola und Süßigkeiten auf der Straße verkaufen, als Gepäckträger arbeiten, um eigene Kinder irgendwie zu ernähren. Denn, wer könnte den das überleben, wenn die kleinen Kinder um das Essen bitten, man hat aber eben gar keine Krümel... Ich kann's mir wirklich nicht vorstellen, was ich in dieser Situation tun würde! 

Es vergehen Jahre. Viele der Flüchtlinge (Not ist wirklich der beste Meister) haben mittlerweile ein eigenes Zu hause. Bei weitem nicht vergleichbar mit dem, was sie hinter sich gelassen haben, sie sind aber dankbar für alles, was Gott für sie noch übrig hatte.

Aber, was tut sich in dem Dorf, in der Stadt, wo sie einmal gelebt haben? Gar nichts! Die "Peacemaker" (hauptsächlich fremde Soldaten, die nichts anderes zu tun haben, als einfach die Zeit abzusitzen) bewachen die Posten, die "glücklichen" Franken, die aber bei weitem nicht so glücklich sind, wie sie sich das erträumt haben, leben in Nürnberger Land alleine... Denn, wer kommt den auf die Idee, der Nachbar wäre der Wurzel allen Übels und ohne ihn würde man keine Sorgen mehr haben? Nur ein Dorftrottel, der es nicht verstanden hat, dass sogar die kleinen Streitigkeiten wegen eines überlaufenen Hahns das leben doch so authentisch machen...

Es vergehen noch mehr Jahre... Die Franken sind isoliert - die wollten ja mit Bayern nichts mehr zu tun haben, aber die anderen Völker finden sie auch nicht allzu sehr attraktiv, da sie doch so kategorisch und despotisch zu den Mitmenschen gewesen sind. Die Bundesrepublik hat aber immer noch keine Kräfte gesammelt, um mit dieser Situation fertig zu werden. Aber da hat ein Nachbarland (sagen wir z.B. Schweiz) eine zündende Idee: Da die Franken doch in solcher Not sind, können wir doch helfen: wir stellen für sie Reisepässe aus und erkennen diese als Schweizer mit eingeschränkten Rechten - denn man will ja nicht riskieren, dass die neuen "Mitbürger" plötzlich die gleichen Rechte haben - nur die gleichen Pflichte reicht völlig aus! Die Franken nehmen das Angebot mit Freude an - endlich dürfen sie auch die Grenzen der eigenen kleinen Ländereien überqueren und in die große freie Welt sich frei bewegen! Und das ist dringend nötig, denn eine geschlossene Volkswirtschaft ist in so einem kleinen Land ausgeschlossen, man ist auf Import vieler Güter angewiesen!

Es vergehen noch mehr Jahre... Die Regierung in der Bundesrepublik hat endlich mal freie Ressourcen, um sich um die territoriale Integrität und um die Flüchtlinge Sorgen zu machen. Aber, siehe da, es gibt doch keine Franken mehr, es sind alles Schweizer, mit einem schweizerischen Reisepass und damit auch Bürger, die unter Schutz der Schweiz stehen! Hm, was tun? Vor allem, wenn man nicht auf die Vernunft der Nachbarländer rechnen kann? Vor Allem wenn die geopolitische Situation, in der man sich gerade befindet, nicht geeignet wäre, um politische Fragen mit der Schweiz offen zu diskutieren?

In Europa ist alles anders: man denke an Liechtenstein - die Bundesrepublik hat Beweise dafür, dass die Politik dieses kleinen Landes nicht wirklich günstig für die eigene Volkswirtschaft und die eigene politische Situation ist, aber, wäre das vorstellbar, dass die Bundesrepublik Deutschland deswegen in Liechtenstein einmarschieren würde? NEIN! Hier werden die Nachbarländer geschätzt und man bemüht sich, alle Probleme in einer politischen Diskussion zu lösen. Sollte das nicht klappen, so wartet man einfach ab, damit die Nachbarn selbst zur Vernunft kommen. Aber man beachte - das funktioniert! Oder gibt es etwa vergleichbare Schwierigkeiten in Europa?

Nun gut, man wartet einfach ab. Aber wie lange? Wie ist es eigentlich, gilt das Gewohnheitsrecht in diesem Falle? Kann man davon ausgehen, dass wenn man bereits 20 Jahre in einem Haus eines anderen lebt, dass dieses Haus dann ihm gehört? Auch wenn der eigentliche Hausbesitzer als Flüchtling all die Jahre mit der ganzen Familie, mit den Kindern und Eltern und Großeltern in einem kleinen Hotelzimmer leben muss? 

So die Geschichte...

Und was passiert jetzt? Das Abkommen über Waffenstillstand zwischen Russland und Georgien ist unterschrieben (Stand 16.08.2008)... Aber die russische Armee hält immer noch die Positionen. Es wird behauptet, man würde warten, bis die Kontrolle in der Region an die georgische Exekutive übergeben ist. VORBILDLICH! Aber, glaubt Ihr wirklich, die russischen Soldaten sind alleine dahin gekommen? NEIN! Es sind noch Haufen Mörder und Räuber mitgekommen, der Abschaum des ganzen Universums, und der schreckt sich vor Nichts! Die leer stehenden Häuser werden ausgeraubt... Ist doch jemand im eigenen Haus geblieben, so werden Frauen vergewaltigt und Männer geschlachtet... Und das wird von der Armee (ehemalige "Peacemaker") stillschweigend geduldet.

Die Dörfer im Umkreis von mehreren Kilometer um Südossetien stehen leer. Das ganze Vieh wurde auf der Straße zum Spaß erschossen oder geschlachtet. Es vergehen Tage, es gibt aber niemanden, der sich um die toten Vieher kümmert. Alle gehen davon aus, dass die russischen Soldaten bald weg sind, spätestens wenn die europäischen Staaten Druck gemacht haben... Aber was werden die Dorfbewohner dort vorfinden? Zerstörte und ausgeraubte Häuser? Epidemie? Was noch?

Die europäischen Beobachter behaupten, in dieser einen Woche wären die Splitterbomben eingesetzt worden! Man hat doch geglaubt, diese wären aufgrund der unmenschlichen Grausamkeit von vielen Nationen abgelehnt und verboten worden! Die Wälder in den südlichen(!) Regionen Georgiens stehen im Brand - es sollen die russischen Bomber gewesen sein, die die Wälder in den Brand gesteckt haben... War das alles wirklich notwendig? Oder ist das ein Ausdruck der Menschenverachtung, der Demonstration der eigenen Macht?

Glaubt denn wirklich noch jemand, der Konflikt werde irgendwann gelöst und alles werde wieder vergessen? Wie viele Jahre, wie viele Generationen bräuchte man dafür?

Eins ist unumstritten - niemand wäre bereit den bissigen Hund eines Nachbars direkt vor der eigenen Tür zu dulden. So braucht auch jede Großmacht einen Puffer, ein Paar kleine, unbedeutende Länder, die zwischen der eigenen Grenze und der des Rivalen liegen. So auch Russland: hat denn Jemand jemals geglaubt, Russland würde die Länder in Kaukasus einfach so aufgeben und es dulden, wenn diese sich zu Europa oder USA bekennen würden? Soll man wirklich glauben, dass das alles Zufall ist, was in Georgien, Armenien und Aserbaidjan passert? Soll man wirklich davon ausgehen, dass Russland sich wirklich bloß um die nationale Minderheiten in der Region sorgt? Wenn es so wäre, wäre es nicht angebracht, zuerst die Rechte der vielen Hunderten nationalen Minderheiten innerhalb der Russischen Föderation zu anerkennen?

Aber nein, das musste genau so sein. Es war so im Jahre 1783, als der Bündnispakt zwischen Georgien und Russland unterzeichnet wurde - das war ja die beste Möglichkeit, eine Pufferzone zwischen den beiden Großmächten Russland und Türkei einzurichten. Und es wird so sein im 21. Jahrhundert, als die Zivilisation geglaubt hat ganz andere Prioritäten zu haben. Zur Erinnerung: 1801 hat Russland das Territorium Georgiens als eigene Ländereien erklärt und den König abgeschafft. Die königliche Familie wurde vollständig ausgerottet.

Selbstverständlich wird man an dieser Stell denken: "Es waren andere Zeiten, damals war alles viel weniger transparent, es gab keine Organisationen, die die Menschenrechte wahren würden"! Klar, es sind bereits 200 Jahre vergangen. Aber, wir sollten erst mal bedenken, was sich in diesen Jahren geändert hat: Die Menschen - Ja! Die Technologie - Ja! Die Grundwerte der Menschen - kaum! Die Politik - ganz eindeutig - NEIN!

Genau so, wie früher die strategischen Postionen, wie Gibraltar oder der Kap der Guten Hoffnung begehrt wurden und umkämpft waren, werden die Positionen in Osteuropa und in Kaukasus geschätzt. Der Sowjetunion ist ein ganz großer Coup gelungen, in den 1960er Jahren Cuba als Verbündeten zu haben. Es ist viel Blut vergossen in den Ländern wie Vietnam, Korea oder Afghanistan. Wozu? Warum versucht man denn die Länder so weit von der eigenen Grenze unter Kontrolle zu haben? Und dass auch Länder, die weder Ressourcen, noch den notwendigen Wohlstand haben, um durch den Krieg verursachte Verluste auszugleichen? Die Antwort liegt auf der Hand, oder besser auf der politisch-geographischen Landkarte - es sind "nur" strategisch wichtige Positionen, die einiges entscheiden könnten, würde der böse Rivale doch entgegen aller Abkommen etwas unartiges in Erwägung ziehen...

Sollen wir denn jetzt glauben, dass Sowjetunion und Russland ganz andere Politik verfolgen? Lasst uns mal nachdenken, welches andere Land, welche Völker die strategische Ausrichtung der Sowjetunion festlegen könnte: die Baltischen Staaten - sie haben Russland immer als Okkupanten gesehen, haben sich immer zu Europa bekannt! Ukraine - haben wir doch in den letzten Jahren gesehen, dass die Ukraine dem großen Brüder den Rücken gekehrt hat, nicht nur aufgrund der politischen Meinung, sondern aufgrund der großen Unterschiede in der Wertschätzung! Wer sonst? Mir fällt sonst nicht ein, die restlichen ehemaligen Republiken sind sowieso immer Marionetten gewesen!

Den Georgiern wird immer vorgeworfen, der Stalin sei doch ein Georgier gewesen, der das Imperium mit aufgebaut und als Tyrann regiert hat... Ja, das ist so gewesen, aber jedem ist das auch klar, dass er in Georgien mehr Schaden angerichtet hat, als woanders - und zur Information, er war auch derjenige der die Grenzen zwischen Abchasien, Ossetien und Georgien gezogen hat.

Und was nun? Ich bin schon sehr oft gefragt worden: "Wie war es denn damals, vor dem Konflikt, konnten die Georgier und die Ossetier sich gegenseitig vertragen?" - Mein Onkel (ein Georgier) hat eine Ossetische Frau geheiratet. Meine Mutter ist die Patentante von einem, der sich auch Ossetier nennt. Natürlich gab es auch mal Konflikte, oder kennt etwa man keinen Franken, der über einen Bayern geschimpft hat? Ich kenne einige. Na und? Sind die beiden damit Erzfeinde und benötigen die ganze Russische Armee als Vermittler? NEIN! Sie trinken doch immer wieder gern ein Bier zusammen! So ist es auch bei uns gewesen. Bis die ganz große Politik ins Spiel kam...

Und jetzt? Wie soll es weitergehen? Eins weiß ich: vor etwa zwei Jahren hatte mein Opa, der in einem Dorf direkt an der Grenze zu Zchinwali lebt(e), ganz große Hoffnung gehabt, dass alles sich wieder beruhigen wird. Er ist nähmlich in der Stadt Zchinwali zum Einkaufen gewesen, wie damals, als alles noch so ruhig war. Und er hatte dort mehrere Bekannte getroffen, die ihn gern gesehen hatten und herzlich begrüßt haben. Und er war den ganzen Tag dort, obwohl nur ein Paar Brötchen geholt hat - weil er sich mit den vielen Ossetiern vor Ort gern unterhalten hat. Aber... das hat wohl nicht sein müssen...

Ich habe von vielen Mitbekommen, dass die Georgier in Russland heute nicht willkommen sind. Es sollen viele sogar zu Tode geprügelt worden sein... Woher kommt denn dieser Meschenhaß? Wo liegt der Ursprung? Ist das das Ergebnis der Medienpropaganda oder hat sich diese Einstellung historische Würzel?

Vor etwa acht Jahren hatte ich mich mit einer Freundin unterhalten. Sie ist in Moskau zu den Zeiten der Sowjetunion aufgewachsen und hat erzählt, ihre Kindheit wäre nicht leicht gewesen. Ihr Vater hätte zwar in ein Institut als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet, aber das Gehalt hätte kaum bis zum Monatsende gereicht. Sie hätte sich immer riesig gefreut, als der Vater das Gehalt ausgezahlt bekommen hat, denn er hat dann zum Beispiel vom Obstmarkt einen roten Apfel und ein Pfirsich mitgebracht. Und das hätte sie mit ihrem Bruder geteilt. Mir kamen die tränen, vor Allem als ich drüber nachgedacht habe, dass der Keller bei meinem Opa immer mit Obst, Wein und allerlei Leckereien voll war. Mein Vater hat genau so wenig verdient, aber dadurch dass mein Opa neben seiner Arbeit als Mathe-Lehrer in der Schule noch in seinem eigenen Garten bis zur tiefen Nacht gearbeitet hat, hatten wir eigentlich immer genug zu essen. Der territoriale und klimatische Unterschied hat selbstverständlich auf den Wohlstand der Menschen in unterschiedlichen Regionen ausgewirkt. Ich würde aber ungern glauben, dass das auf die Beziehungen dieser beiden Völker ausgewirkt hat. Ich habe ja auch niemandem beneidet, der sein Studium durch BAFöG finanziert hat und sich keine sorgen machen musste, ob das restliche Geld die nächsten Monate für die Miete und für das Essen ausreichen würde...

Ich sitze vor dem Bildschirm und kann nichts anderes tun, als mich, oder eine unsichtbare Gestalt hinter mir, immer das gleiche zu fragen: WIE SOLL'S WEITERGEHEN? Ich weiß es nicht. Und Du? Um Gottes Willen, ich wünsche das NIEMANDEM, aber, was würdest Du tun?

 

Thesen >>

Der russisch-georgische Krieg ist eigentlich nur Teil eines viel größeren Krieges und diente Russland als Gegenangriff gegen den Westen insgesamt

siehe weiter unten:

Drittes Master Narrative:

Rußland will einen Beitritt Georgiens zur Nato verhindern und das Land unter seine Kontrolle bringen !


Weshalb hat der russisch-georgischer Krieg angefangen? Als einer der Antworten können die Prozesse, die innerhalb von den letzten 4 Jahren in Georgien ablaufen, genannt werden. Um es kurz zu fassen, Georgien entwickelt sich zu einem modernen, europäischen und demokratischen Staat, der gegenüber seinen Bürgern seine Aufgaben erfühlt. Ich beschäftige mich seit Jahren mit wirtschaftlichen Reformen, die zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Ländern durchgeführt wurden. Ich muss sagen, dass in keinem anderen Land weltweit, so viele Reformen innerhalb kürzester Zeit durchgeführt wurden, wie in Georgien.

Innerhalb von den letzten drei Jahre betrug georgischer Wirtschaftswachstum 11 bis 13 Prozent pro Jahr, sogar mehr als in China und dass ohne Öl- und Gas-Vorrate. Vor dem Konflikt hat Georgien Strom nach Russland exportiert. Vor drei oder fünf Jahren würde daran keiner glauben und derjenige, der dass behauptet hätte, würde zu einem Träumer erklärt. Georgien erlebte ihr Wirtschaftswunder. Die ausländischen Investitionen betragen 17-18% des Bruttoinlandsprodukts (BIP), in Russland betragen fremde Investitionen etwas mehr als 1% des BIPs. Dabei ist Georgien ein kleines Land mit vielen ungelösten Konflikten und einem kleinen Absatzmarkt.

Was sind Abchasien und Süd-Ossetien aus der wirtschaftlichen Sicht? Zusammenfassend sind das stalinistische Enklaven, insbesondere Süd-Ossetien. Während der letzten 4 Jahre hat die Bevölkerung von Süd-Ossetien nirgendwo gearbeitet und eigentlich strebte auch nicht dazu. Sie lebt von den Subventionen vom russischen Budget, die ständig steigen und schon die Summe von 700 Millionen US-Dollar erreicht haben. Verteilt auf 40 tausend Menschen ergibt sich, dass keine andere Region Russlands so viele Subventionen erhalten hat, wie Süd-Ossetien.

Laut der Verordnung von Putin wurden weitere 10 Milliarden Rubel für Süd-Ossetien abgefunden. Zur Zeit wird eine große Militärbasis in Dschawa errichtet. Genau nach Dschawa wurde die Militärtechnik noch vor dem Konfliktausbruch eingeführt.

Es muss allerdings erwähnt werden, dass der Militarisierungsstand in Süd-Ossetien und Abchasien schon vor dem Beginn der Militärhandlungen ziemlich hoch war. Russische Propaganda berichtete während des letzten Monats darüber, dass Georgien äußerst militarisiertes Land sei, dessen Militärhaushalt in den letzten 4 Jahren von 30 Millionen auf 1 Milliarde US-Dollar gestiegen ist. Heute werden in Georgien 8% des BIP für Militärausrüstung vorgesehen. Das ist eine beeindruckende Zahl, aber wenn wir die Zahl der Militärpersonen pro 1000 Einwohner vergleichen sollten, dann kommen wir auf 6 Soldaten pro 100 Bürger in Georgien und auf 60 Soldaten in Abchasien und 65 Soldaten in Süd Ossetien. Das ist eine zehnfache Übermacht. Die Zahl der Reservisten in Georgien beträgt 22 pro 1000 Bürger, in Abschasien sind das 165 und in Süd-Ossetien 326 pro 1000 Einwohner. Hier kommen wir auf eine fünfzehnfache Übermacht.

Auf 100 000 Georgier hatte Georgien nur 4-6 Artilleriegeschütze, dagegen hatte Abchasien 35 und Süd-Ossetien 190. Entsprechend sah es auch mit der Panzertechnik aus. Auf 100 000 Georgier kamen 5 Schützenpanzer und bei Abschasen waren es 75, geschweige der Süd-Ossetier mit ihren 391 pro 100 000 Menschen. Und das alles noch bevor Russland ihre Militärtechnik nach Abchasien und Süd-Ossetien transportiert hat. Im Mai und in Juli dieses Jahres wurden nur nach Abchasien mehr als 1500 Einheiten von Schütztechnik, Artilleriewaffen, Schützpanzer und viele andere Waffentypen eingeführt.

Wenn man den starken Anstieg der Ölpreise betrachtet, dann hätte man nicht ein jährliches Wirtschaftwachstum von 6-7 Prozent, sondern von 10-15 Prozent erwartet. Die Wirtschaft der ölreicher Länder Kasachstan und Aserbaidschan weisen diese Wachstumsrate auf. Anstelle der Entwicklung gesunder Wirtschaftsektoren wurde eine Welt von Luftblasen auf dem Immobilien- und Börsenmarkt geschaffen. Firmen kauften Immobilien und investierten in die Aktien anderer Firmen, anstatt sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu konzentrieren. Gazprom, das sogenannte "Nationalgut", ergatterte Anteile in den Bereichen Bankwesen, Versicherungen und Medien, anstatt in Technologien zu investieren, die Erdgas und Rohöl suchen und an die Oberfläche bringen. Obwohl der Anteil des hervorgebrachten Erdgases nicht angestiegen ist und seine Schulden um das Dreifache angewachsen sind, erreichte der Gazprom-Konzern, dessen Marktwert im Jahr 2001 bei 10 Milliarden Dollar lag, innerhalb von sieben Jahren einen Wert von 350 Milliarden Dollar. Internationale Fachleute für Energie verweisen darauf, dass diese "Luftblase" sehr bald platzen wird.

Den Korruptionsstatistiken von Transparency International zufolge rutschte Russland zwischen den Jahren 2000 und 2007 von Platz 82 auf Platz 143 und zieht nun mit Ländern wie Gambia, Indonesien und Togo gleich. Laut der Daten der INDEM-Stiftung beträgt die Summe der in Russland jährlich bezahlten Bestechungsgelder das Dreifache des Staatshaushaltes. Die Akte für Menschenrechte in Russland ist auch bedenklich. Jedes fünfte Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg betrifft einen russischen Staatsbürger. Der russische Staat verliert 90 Prozent dieser Verfahren.

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Russland (65 Jahre) entspricht der der Entwicklungsländer Afrikas (der Durchschnitt Westeuropas liegt bei 78 Jahren). Die Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung Russlands, die immer mehr Alkohol und Tabak konsumiert, beträgt 59 Jahre, die der Frauen 72 Jahre. Während Russen im Jahr 15 Liter reinen Alkohol konsumieren, teilt die Weltgesundheitsorganisation mit, dass bereits acht Liter kritisch seien und ein darüber liegender Verbrauch bleibende Schäden hervorrufe. Gleichzeitig erinnert die Anzahl der Morde an die "unruhigen" Jahre 1994 und 1995. Russland ging mit seinen jährlich fast 30.000 Morden neben Ländern wie Kolumbien, Honduras und Südafrika in die Liste der "Ersten Zehn" ein. Die geringe Rente erlaubt der älteren Bevölkerung noch nicht einmal zu atmen. Die durchschnittliche Monatsrente beträgt 4000 Rubel (166 Dollar). Diese Zahl stellt 24 Prozent eines durchschnittlichen Einkommens dar. Im Jahr 2000 lag sie hingegen bei 33 Prozent.

Anstelle der Reformen wie die der Gesundheit, Bildung, Immobilien und Landwirtschaft, die fast zum Stillstand gelangt waren, wurden eine Reihe "Nationalprojekte" begonnen, die die Diskontinuität der Reformzeit an den Tag legten. Die "Nationalprojekte", die durch die Erträge von Erdgas und Rohöl finanziert wurden, kosteten im Jahr 2006 sechs Milliarden Dollar und im Jahr 2007 10 Milliarden. Für dieses Jahr sind 12 Milliarden geplant. Dennoch scheinen diese Summen neben 39 Milliarden Dollar, die in diesem Jahr allein Beamten und Geheimdienstlern zugeteilt wurden, nicht erwähnenswert.

Das Militär, dessen veraltete Ausrüstung nicht erneuert wird, ist gekennzeichnet durch ein primitives und brutales Hierarchiesystem, genannt ‚dedovsina'. Die Straßen sind in einem katastrophalen Zustand. Die Gehälter von Ärzten, Lehrern, Professoren und Museumsangestellten kommen nicht über 300 Dollar. Gleichzeitig stieg die Zahl der Milliardäre Russlands - trotz der offiziellen Kriegserklärung gegen die Oligarchen. Während im Jahr 2000 in die Liste der reichsten Menschen der Welt der Zeitschrift Forbes kein einziger Russe Eingang gefunden hatte, erreichte das Gesamtvermögen der 53 aufgelisteten Russen im Jahr 2007 einen Wert von 282 Milliarden. Ein Großteil dieser Reichen sind Duma-Abgeordnete. Die klein- und mittelständischen Unternehmen, die lebenswichtig für die Entwicklung einer Mittelschicht mit demokratischem Bewusstsein sind, kämpfen ums Überleben. Während in der EU im Durchschnitt auf 1000 Personen 45 klein- und mittelständische Unternehmen kommen, steigt diese Zahl in Russland nicht über sieben. Der russische Export besteht zu 75 Prozent aus Bodenschätzen, der andere große Teil aus Waffen. Nach russischen Autos und Maschinen gibt es nicht mehr die Nachfrage wie früher.

Hintergründe des Kriegs in Georgien (1): In den Krieg geschliddert? Oder gepokert und verloren?

Nicht nur im Wahlkampf gibt es die Konkurrenz um das Master Narrative, das Rahmenschema, das bestimmt, wie die Auseinandersetzung interpretiert wird, wie die Protagonisten gesehen werden. Im wirklichen, im blutigen Kampf des Kriegs ist es nicht anders. In der Weltöffentlichkeit eine bestimmte, nämlich die eigenen Sicht auf den Krieg zu verbreiten, ist unter Umständen nicht weniger wichtig als der militärische Erfolg.

Wir werden die verbreitesten Darstellungen der Hintergründe und Ablauf für den Georgien-Krieg durchgehen und uns auseinandersetzen.

Erstes Version: Man ist in diesen Krieg geschliddert.

Die Metapher vom Schliddern in den Krieg wurde bekanntlich in Bezug auf den Ersten Weltkrieg geprägt. Unter Historikern hat sie nur wenige Anhänger, wie überhaupt Historiker Zufälle nicht mögen; kein Wissenschaftler mag sie. Sie suchen lieber nach Ursachen, nach Hintergründen, nach Plänen, die die eine oder die andere Seite schmiedete und die den Krieg zumindest als Option einschlossen;
Vielleicht gab und gibt es diese Pläne auch für den jetzigen Krieg. Aber sehen wir zunächst die Möglichkeit eines Hineinschlidderns an.
Die Vorgänge, die am vergangenen Freitag zur offenen militärischen Konfrontation zwischen Rußland und Georgien führten, habe ich in der Nacht zum Samstag so zusammengestellt, wie sie (mir) damals bekannt waren. Inzwischen gibt es eine detaillierte Chronologie im Nouvel Observateur. Hier die wichtigsten Ereignisse seit Juli:
Seit Anfang Juli kommt es in Südossetien zu Scharmützeln zwischen Rebellen und georgischen Truppen, an denen sich die Seiten gegenseitig die Schuld geben.
9.-10. Juli: Condoleezza Rice besucht Georgien und fordert zur Einstellung dieser Kämpfe auf. Am 10. Juli überfliegen russische Kampfflugzeuge Südossetien. Georgien ruft daraufhin seinen Botschafter aus Moskau zurück.
15. Juli: Sowohl Rußland als auch Georgien beginnen mit Manövern im Grenzgebiet.
21. Juli: Georgische Truppen nehmen in Südossetien vier Personen fest. Laut Georgien sind es Drogenhändler. Südosseten sprechen von einer Entführung.
25. Juli: Bei der Explosion einer Autobombe in Südossetien kommt ein Mensch ums Leben.
1. August: Bei einem Gefecht mit georgischen Truppen kommen sechs Menschen ums Leben. Nach georgischen Angaben wurden die Georgier von ihnen angegriffen.
3. August: Rußland warnt vor einem "größeren Konflikt" und beschuldigt Georgien, Truppenbewegungen vorzunehmen.
4. August: Es findet ein Gespräch zwischen den stellvertretenden Außenministern Georgiens und Rußlands statt. Der Letztere äußert die russische "Besorgnis über unverhältnismäßige Anwendung von Gewalt". Die Regierung der selbsternannten "Republik Südossetien" gibt bekannt, daß sie nach blutigen Zwischenfällen mit der Evakuierung von Kindern begonnen hätte. Tiflis bezeichnet das als Propaganda.
5. August: Rußland teilt mit, daß es sich nicht "abseits halten" könne, wenn die Spannungen weiter stiegen.
6. August: Die beiden Seiten beschuldigen sich gegenseitig, bei Zwischenfällen das Feuer eröffnet zu haben.
7. August: An diesem Tag kommen ein Dutzend Menschen bei Kämpfen ums Leben. Georgien und die "Republik Südossetien" vereinbaren ein Gespräch.
8. August: In der Nacht beginnt Georgien eine Offensive gegen Südossetien. Putin kündigt "Gegenmaßnahmen" an. Russische Panzer und LKW- Kolonnen werden von Wladikawkaz im russischen Nordossetien aus in Marsch gesetzt.
9. August: Der georgische Präsident erklärt, sein Land sei im Krieg. Das georgische Parlament beschließt einen Kriegszustand von 15 Tagen. Rußland meldet die Einnahme von Tschinwali.
Dieser Ablauf ist vereinbar mit einem Master Narrative, wonach keine Seite den Krieg plante, sondern dieser aus sich gegenseitig steigernden Gewaltakten schließlich hervorging. Der Krieg wäre danach die Folge des Versagens von Krisenmanagement.

Zweites Master Narrative: Georgien hat gepokert und verloren.


Dieses Interpretationsschema wird von den Russen vertreten. Wer den Sender Russia Today einschaltet, der bekommt es rund um die Uhr nahegebracht. Auch in den deutschen Medien ist dieses Master Narrative weit verbreitet. Eine der klarsten Darstellungen hat Jürgen Gottschlich gestern in der taz publiziert:
Michail Saakaschwili hat sich verspekuliert. Der am Freitag letzter Woche begonnene Versuch, die seit 1992 abtrünnige Provinz Südossetien mit Waffengewalt wieder unter georgische Kontrolle zu bringen, ist blutig gescheitert. (...) Was also hat den georgischen Präsidenten getrieben und worauf hat er spekuliert? (...)
Noch gibt es dazu keine verlässlichen Informationen, aber offensichtlich ist Saakaschwili davon ausgegangen, dass seine US-Unterstützer, allen voran US-Präsident George W. Bush, dafür Sorge tragen würden, dass Russland so lange stillhält, bis die von den USA aufgerüsteten und trainierten georgischen Truppen in Südossetien neue Fakten geschaffen haben.
Rußland tat aber, so wäre diese Interpretation fortzusetzen, Saakaschwili diesen Gefallen nicht, sondern schuf seinerseits mit seinem Eingreifen neue Fakten.
Nach dieser Master Narrative ist man in den Krieg nicht hineingeschliddert, sondern er wurde von Tiflis geplant. Geplant allerdings nur als ein Krieg in Südossetien, der aber ungeplant ein Eingreifen Rußlands nach sich zog.

Eine dritte Interpretation nimmt dagegen an, daß der Krieg von Anfang an von Moskau beabsichtigt wurde und das Vorgehen der Georgier lediglich den Vorwand für seinen Beginn lieferte.

Wer seine Informationen nur aus den deutschen Medien, vor allem dem deutschen TV bezieht, der wird vermutlich einem der beiden im ersten Teil beschriebenen Master Narratives über die Hintergründe des Kriegs in Georgien zuneigen: Daß er von Georgien durch den Versuch begonnen wurde, Südossetien zurückzuerobern; oder daß man in einer Eskalation der Gewalt in diesen Krieg geschlittert ist.
Wer seine Informationen aus internationalen Medien bezieht, der wird vermutlich die dritte Möglichkeit zumindest ernsthaft in Betracht ziehen:

Drittes Master Narrative: Rußland will einen Beitritt Georgiens zur Nato verhindern und das Land unter seine Kontrolle bringen

Dieses Interpretationsschema ist in der angelsächsischen Presse weit verbreitet; ja seine Richtigkeit wird nachgerade als selbstverständlich vorausgesetzt, wie zum Beispiel gestern von William Kristol in der New York Times, der nur noch fragt: "Will Russia Get Away With It?", wird Rußland damit davonkommen?
Beispiele für dieses Master Narrative habe ich schon in früheren Beiträgen zitiert:
In einem Editorial vom Sonntag schrieb die Washington Post, das Vorgehen Rußlands sei eine Reaktion auf die Weigerung der Nato im April, Georgien den Status eines Aufnahme- Aspiranten (Membership Action Plan) zu gewähren.
Rußland wolle jetzt der Nato klarmachen, daß Georgien für eine Mitgliedschaft zu instabil sei, hieß es in dem Editorial, und das Land damit wieder unter seinen Einfluß bringen. Auch eine vollständige Eroberung Georgiens und den Sturz der Regierung schloß die Washington Post als Moskaus Kriegsziel nicht aus.
In dieselbe Richtung geht das, was gestern hier an Stimmen aus dem UK zu lesen war:
Der ehemalige britische Europaminister Denis MacShane sieht wie William Kristol in dem Angriff auf Georgien den Versuch, an die imperiale Politik der Sowjetunion anzuknüpfen: "Once again, Russia threatens peace, stability, the rule of law and the rights of sovereign democracies on its border"; wieder einmal bedrohe Rußland den Frieden, die Stabilität, die Gesetzlichkeit und die Rechte souveräner Demokratien an seinen Grenzen.
Und der Rußlandexperte Owen Matthews meinte, von jetzt ab werde Moskau jede weitere Verstärkung des westlichen Einflusses an seinen Grenzen unterbinden und seinerseits sein Einflußgebiet auszuweiten versuchen.
Einzelheiten, die diese Interpretation stützen, berichtete Helene Cooper am Sonntag in der New York Times. Condoleeza Rice habe Putin aufgefordert, die territoriale Integrität Georgiens zu respektieren:
Was tat Putin? Zunächst wies er den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in Peking zurück. Als Sarkozy Rußland von seiner Militär- Operation abzubringen versuchte, bewegte er sich nicht: "Es war ein sehr, sehr hartes Zusammentreffen", sagte danach ein westlicher Sprecher. Putin sagte immer wieder: 'Wir werden sie bezahlen lassen. Wir werden Recht schaffen.' "
Danach flog Putin von Peking in ein Gebiet an der Grenze zu Südossetien (...) Die russische Botschaft war klar: Dies ist unsere Einflußsphäre; da hat niemand sonst etwas zu suchen. (...)
"Was die Russen jetzt getan haben, ist, daß sie erstmals seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine entscheidende Militäraktion durchgeführt und militärische Realität erzwungen haben", sagte George Friedman, der Leiter von Stratfor, einer Gesellschaft für geopolitische Analysen und Informationen. "Sie haben es unilateral getan, und alle die Länder, die damit gerechnet hatten, daß der Westen die Russen einschüchtern würde, werden jetzt gezwungen, zu bedenken, was gerade passiert ist."

Was ist von diesen drei Master Narratives zu halten? Wirklich klären wird sich das allenfalls dann, wenn weitere Informationen vorliegen, vor allem solche aus den Berichten von Geheimdiensten. Solange das nicht der Fall ist, kann man nur Erwägungen zur Plausibilität anstellen. Hier sind einige:

# Die drei Interpretationen schließen einander nicht völlig aus. Im Prinzip könnte es sein, daß der tatsächliche Ablauf Elemente von allen dreien enthielt. Daß beispielsweise beide Seiten zwar Pläne für diesen Krieg in ihren Schubladen hatten, daß aber eine unkontrollierte Eskalation dazu führte, daß diese Pläne jetzt umgesetzt wurden. Auch ein Plan von Tiflis, Südossetien jetzt zurückzuerobern, ist nicht unbedingt unvereinbar mit einem Plan Moskaus, Georgien zu demütigen und aus der Nato herauszuhalten.

# In einer Zeit der Satellitenaufklärung ist es unwahrscheinlich, daß nicht beide Seiten über den Aufmarsch der jeweils anderen voll informiert waren. (Ich setze jetzt voraus, daß Erkenntnisse der USA den Georgiern zur Verfügung gestellt wurden). Daß die Georgier darauf vertrauten, Rußland würde eine Rückeroberung Südossetiens unter dem Druck der USA tatenlos hinnehmen (wie es Jürgen Gottschlich unterstellt), ist also sehr unwahrscheinlich. Man mußte in der Nacht zum Freitag in Tiflis wissen, daß Teile der 58. Armee Rußlands einmarschbereit standen.

# Dann ist aber ein Hineinschliddern in den Krieg unwahrscheinlich. Als Micheil Saakaschwili den Befehl zum Einmarsch nach Südossetien gab, mußte er davon ausgehen, daß die Russen militärisch antworten würden.

# Warum tat er es dann aber? Warum tappte Saakaschwili in die Falle, wie es Owen Matthews formulierte? Das ist das große Rätsel dieses Kriegs. Daß Georgien gegen die russische Armee einen sehr schweren Stand haben würde, liegt auf der Hand. Hätte Saakaschwili die Auseinandersetzung mit Rußland dennoch gesucht, dann hätte er das gewiß nicht getan, solange noch 3000 Mann Elitetruppen Georgiens im Irak standen.

# Wahrscheinlicher erscheint es deshalb, daß dieser Einmarsch - der ja nach einem anfänglich angekündigten Waffenstillstand befohlen wurde - der Versuch war, für eine bevorstehende Auseinandersetzung mit der russischen Armee wenigstens günstige Voraussetzungen zu schaffen. Sinn würde das machen, wenn die Georgier Informationen gehabt hätten, daß der Angriff der Russen bevorstand.

# Für einen russischen Angriffsplan sprechen die mehrfachen Ankündigungen Rußlands (siehe den ersten Teil, dort unter dem 3. und 4. August genannt), es werde nicht tatenlos bleiben. Im Nachhinein erscheint das wie die vorbereitende Rechtfertigung eines Einmarschs.

# Auch das Timing spricht dafür, daß Rußland der Aggressor ist und Georgien ihm lediglich zuvorzukommen versuchte. Denn wenn Rußland die Erhebung Georgiens zum Nato- Aspiranten (Membership Action Plan) verhindern wollte, dann stand es wegen der für Dezember vorgesehenen Entscheidung unter Zeitdruck. Georgien dagegen hätte, falls es eine militärische Lösung in Südossetien suchte, warten können, bis seine Elitetruppen aus dem Irak zurück sind.

Plausibilitätsüberlegungen, gewiß. Nicht mehr. Ich habe mir die Freiheit genommen, sie zur Diskussion zu stellen, weil ich den Eindruck habe, daß viele Kommentatoren in Deutschland noch nicht einmal Plausibilitätsüberlegungen anstellen, sondern die russische Version blind übernehmen.
Audiatur et altera pars. Im Wall Street Journal hat Präsident Saakaschwili gestern den Beginn des Kriegs aus georgischer Sicht geschildert:
Unsere europäischen Freunde rieten zur Zurückhaltung und argumentierten, daß die Diplomatie ihren Gang nehmen werde. Wir folgten ihrem Rat und gingen noch einen Schritt weiter, indem wir regelmäßig neue Ideen vorschlugen, um die Konflikte zu lösen. (...)
Unsere Friedensangebote wurden zurückgewiesen. Moskau suchte den Krieg. Im April begann Rußland damit, die georgischen Regionen Abchasien und Südossetien als russische Provinzen zu behandeln. Wiederum baten uns unsere Freunde im Westen, Zurückhaltung zu üben, und wir folgten dem. Aber Rußland schickte unter dem Deckmantel von Friedenstruppen Fallschirmjäger und schwere Artillerie nach Abchasien. Wiederholte Provokationen dienten dem Zweck, Georgien an den Rand eines Kriegs zu bringen.
Als das scheiterte, wandte der Kreml seine Aufmerksamkeit nach Südossetien und befahl seinen Statthaltern dort, ihre Angriffe auf georgische Stellungen zu eskalieren. Meine Regierung antwortete mit einem einseitigen Waffenstillstand; die Separatisten begannen Zivilisten anzugreifen, und russische Panzer stießen zur georgischen Grenze vor. Wir hatten keine Wahl, als unsere Zivilisten zu schützen und die verfassungsmäßige Ordnung wieder herzustellen. Moskau benutzte das dann als Vorwand für eine breit angelegte militärische Invasion Georgiens.

Nachtrag: Inzwischen hat im Blog "The Outside of the Asylum" Califax den Ablauf der Ereignisse penibel rekonstruiert.
Link - http://anstalt.wordpress.com/tag/georgien/
Das Beste, das ich dazu gelesen habe. Da leistet ein Blogger das, was man von den professionellen Journalisten eigentlich erwarten sollte.
Wenn man sich diesen Ablauf ansieht, dann ist die dritte Master Narrative nicht nur die wahrscheinlichste, sondern sie erscheint als die überhaupt einzige, die mit den Details der Vorgänge im Einklang steht.


Georgier in Karlsruhe