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INTERVIEW - Zum Kaukasuskonflikt Thomas Roth im Gespräch mit Wladimir Putin
ARD-Sondersendung 23:30 Uhr 30.08.2008

Tagesthemen, Thomas Roth und Golineh Atai berichten:
Thomas Roth: „Was ist das eigentlich, was wir gegenwärtig im Osten der Ukraine erleben? Ist das noch an internationalen Rechtsstandards orientierte Politik oder ist es nicht inzwischen viel eher eine Mischung von gezielt eingesetzter Gewalt und krimineller Erpressung, die an die mafiösen Methoden von Strauchdieben erinnert .
Wozu diese Mischung führt oder führen soll, das ist klar: zur systematischen Zersetzung des Staates Ukraine. Täglich Schusswechsel, Besetzungen, immer noch halten prorussische Separatisten unter der Führung des selbst ernannten Bürgermeisters von Slawiansk sieben OSZE-Beobachter, darunter vier Deutsche, in Geiselhaft.
Immer noch protestieren internationale Regierungen dagegen, darunter auch heute wieder die Deutschen.
Und immer noch zeigt sich, dass die ukrainische Regierung gegen all das machtlos ist.“
Golineh Atai: „Ein ganz normaler Tag in einer ganz normalen Stadt. Darauf hoffen Jewgeni und Sascha, der eine ist Journalist, der andere Theatermanager. Beide sind sie in Donezk geboren, und beide haben sie in den vergangenen Tagen den Ausnahmezustand erlebt. Heute hat mich eine Freundin angerufen. Sie hat zwei französische Journalisten nach Slawjansk begleitet gestern. Und dort hat man versucht die Frauen zu entführen. Die haben ziemlich viel durchgemacht. Heute wollen Jewgeni und Sascha auf eine pro-ukrainische Demonstration in Donezk. Und sind auf alles vorbereitet. Auch Verbandszeug haben sie dabei.“
Bürger: „Gestern, da haben die Separatisten das Fernsehzentrum besetzt. Und die Polizisten standen einfach so da. Die haben mit den Besatzern des Fernsehturms Zigaretten ausgetauscht.“ 
G.A.: „Ganz ohne Widerstand haben Bewaffnete heute ein weiteres Rathaus der Region besetzt in Konstantinowka, nördlich von Donezk. Barrikaden werden aufgebaut. Die Beamten haben alle das Gebäude verlassen. Vorher haben die Milizen die Polizeistation besetzt und alle Waffen dort mitgenommen.“ 
Besatzer: „Wir sind hier, damit sich der Wille des Volkes frei ausdrücken kann. Wir wollen keine Störenfriede hier. Und wir bleiben bis zum Referendum, ja.“
G.A.: „Am 11.Mai wollen die Milizen über die Zukunft der Provinz Donbass entscheiden lassen dafür sorgen ihre Waffen wie es scheint.  Selbst die eher Russland zugeneigten Bürger gekommen angst.“ Passantin: „Wir wollen nicht, dass unsere Kinder hier sterben. Ich habe einen Sohn. Ich will nicht, dass er hier zu den Barrikaden kommt.“
G.A.: „Zurück in Donezk. Die Flagge der Separatisten weht auf einer Bank. Sie haben überall Plakate aufgehängt: „Auf Wiedersehen Kiew“ steht geschrieben. Die Kunden sorgen sich um ihr Geld.“ Bürger vor der Bank: „Na ja, was ich darüber denke? Das sind Banditen. Sie arbeiten auf Geheiß von Putin und auf Befehl unseres Ex-Präsidenten.“ 
G.A.: „Am Abend treffen wir Sascha und Jewgeni wieder, mit der ukrainischen Flagge in der Hand. Vielleicht zweitausend Demonstranten sind gekommen, friedlich, mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Daneben hunderte Polizisten, die den Zug begleiten. Plötzlich greifen pro-russische Männer die Demonstranten an, mit Knüppeln und Feuerwerkskörpern. Zehn Demonstranten werden von Steinen getroffen, Entsetzen.“ Demonstrantin: „Ich hasse Putin. Er hat kein Gewissen. Die Pro-Russen haben uns geschlagen. Wir waren ganz friedlich. Die haben ein Gemetzel veranstaltet.“
G.A.: „Sekunden später werden auch wir angegriffen.“
T.R.: „Golineh Atai steht jetzt für uns in Donezk. Sie berichten seit Wochen aus dem Osten für uns aus der Ukraine. Eindruck für Berichterstatter immer gefährlicher wird, nachdem was sie heute erlebt haben.
G.A.: „Ja, Thomas, unser Fahrer hat uns gerade gewarnt, das Hotel nicht zu verlassen, da sich hier in der Stadt Donezk ungefähr hundert mit Knüppel und Feuerwerkskörpern bewaffnete, pro-russische, ja er hat sie als Schlägertypen bezeichnet, Männer befinden würden. Und er hat gesagt, wir sollen lieber drin bleiben. Ich habe heute wirklich auf der Demonstration eine bestialische Gewalt  erlebt. Eine völlig friedliche Menge ist angegriffen worden von gut ausgerüsteten Männern mit schusssicheren Westen, mit Helmen teilweise. 
Ich habe eine sehr unerfahrene Polizeimannschaft erlebt, die teilweise sehr, sehr passiv da stand und uns nicht schützen konnte. Wir haben versucht, mit Verletzten zu sprechen, die auf dem Boden lagen, blutend auf dem Boden lagen, und ein pro-russischer Mob muss ich wirklich sagen, hat versucht, uns davon abzuhalten und ist mit Knüppeln auf uns zugekommen und erst, als unser russisch sprechender Kameramann gesagt hat, dass wir vom russischen Fernsehen seien, haben sie sich dann entschuldigt und sind davon gegangen.
Besonders erschüttert mich, dass die russische Nachrichtenagentur ITAR-TASS, diese Demonstration völlig umgedreht hat und gesagt hat, dass eine bewaffnete pro-ukrainische Menge Pro-Russen angegriffen hat. Es war genau anders herum.
Aber die Gewalt heute hat nicht nur Journalisten getroffen sondern auch den Bürgermeister von Charkiw, eigentlich ein Vertreter des alten Regimes. Er ist heute angeschossen worden und liegt derzeit im Krankenhaus Er soll sich in einem sehr kritisch Zustand befinden.“
T.R.: „Es sind immer gefährlichere Entwicklungen. Was wissen sie denn Neues über die gefangenen OSZE-Beobachter. Es sind auch Deutsche dabei.“
G.A.: „Ich weiß, dass die Verhandlungen heute der OSZE mit den Separatisten weitergegangen sind und nach all den schrecklichen Bildern, die wir auch gestern gesehen haben, von den misshandelten, ukrainischen Geheimdienstoffizieren, drängt sich bei mir natürlich die Frage auf, was mit den ukrainischen Soldaten dieser Mission im Moment in Slawjansk alles passiert. Russland hat heute diese OSZE-Militärinspektionsmission als abenteuerlich bezeichnet. Nach allem, was ich von der OSZE gehört habe, war Russland im Vorfeld dieser Inspektionen von allem informiert.“
T.R.: „Golineh Atai, vielen herzlichen Dank aus Donezk, und bringen sie sich in Sicherheit. Danke schön. …“
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